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Projekt, Intuitivitätsthese

 

Anschauende Vernunft in Kants kritischer Transzendentalphilosophie?

Gemeinhin gilt Kant als Verfechter einer diskursiven Vernunftauffassung. Kant – so die einhellige Forschungsmeinung – konzipiere die menschliche Vernunft als ein prinzipiell diskursives Vermögen. Eine darüber hinausgehende, intuitive Rationalität werde von Kant im Rahmen seiner kritischen Philosophie allein der göttlichen Erkenntniskraft eingeräumt, die dem Menschen als prinzipiell endlichem Wesen nicht zugänglich sei. Und in der Tat bezieht Kant im Rahmen seiner kritischen Philosophie immer wieder explizit Stellung gegen die Idee einer intuitiven Intellektualität menschlicher Erkenntnis.

Die Intuitivitätsthese

Im Rahmen meines Forschungsprojekts möchte ich jedoch zeigen, dass in Kants Konzeption der reinen Vernunft bemerkenswerter Weise neben diskursiven Momenten auch intuitive Momente eine tragende Rolle spielen. Dabei bezieht sich meine Intuitivitätsthese nicht auf die Gegenstandserkenntnis der reinen Vernunft im engeren Sinn, sondern auf die Transzendentalphilosophie, die Kant auch als "Selbsterkenntnis" der reinen Vernunft bezeichnet. Ich möchte zeigen, dass und in welcher Weise Kant die reine Vernunft in der transzendentalen Analytik und in der transzendentalen Methodenlehre der "Kritik der reinen Vernunft", in der "Kritik der praktischen Vernunft", in den "Prolegomena" und an anderen Stellen als anschauendes Vermögen fasst und ein als intuitiv zu kennzeichnender Erkenntnismodus im Rahmen seiner kritischen Transzendentalphilosophie von systematisch zentraler Bedeutung ist. Auch wenn er diesen Sachverhalt nicht explizit macht und viele seiner Äußerungen zunächst das Gegenteil zu behaupten scheinen, ist Kant zufolge Transzendentalphilosophie nur unter der Bedingung einer intuitiven Selbsterkenntnis der reinen Vernunft möglich.

Konsequenzen

Es bedarf keiner Erläuterung, dass dieses Ergebnis viele Fragen aufwirft und die zeitgenössische Kantforschung vor neue Aufgaben stellt.
Auch und vor allem im Zusammenhang mit den Ergebnissen meiner Promotionsschrift, die die Identität von Gott und reiner praktischer Vernunft und die Identifizierbarkeit von vernünftigem Wesen und Gott in der Postulatenlehre der "Kritik der praktischen Vernunft" unter Beweis stellt [> www.estdeusinnobis.de], ergeben sich eine Fülle neuer Fragestellungen in Hinsicht auf Kants Vernunftkonzeption und neuartige Perspektiven für das Verständnis der Kantischen Philosophie als Ganzer.